Fachbereich Sprachwissenschaft
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Sprachverstehen
Sprachverstehen

Für viele Menschen ist das Verstehen ihrer eigenen Sprache etwas derart Selbstverständliches, dass sie nicht unmittelbar in der Lage sind, dahinter eine wissenschaftliche Frage zu erblicken. Informatiker, die Computer für die Mensch-Maschine Kommunikation fit zu machen versuchen, wissen aber, was sich hier verbirgt. Ebenso wissen es Menschen, die durch eine Gehirnverletzung aphasisch geworden sind und dadurch nicht mehr in der Lage sind, Sprache effizient zu verstehen und/oder hervorzubringen.

Die Arbeit am Psycholinguistischen Labor der Universität Konstanz will die Vorgänge beim Sprachverstehen sichtbar machen und sie in Modellen wissenschaftlich erklären.

Die strukturelle Linguistik beschreibt und erklärt die Struktur der Sprache mit formal präzisen Methoden und Verallgemeinerungen. Die Psycholinguistik interessiert sich dafür, wie die solchermaßen charakterisierten Satzstrukturen in Realzeit, also unmittelbar während der Wahrnehmung beim Hören oder Lesen, vom Rezipienten erstellt werden.

Ein Beispielpaar:

  1. 1a. Ich kann ihn nicht leiden.
  2. 1b. Ich kann ihn nicht leiden sehen.

(1a) sieht aus wie ein echter Teil von (1b). In Wirklichkeit liegen hier höchst unterschiedliche Strukturen (und Bedeutungen) zugrunde: (1a) entspricht etwa der Formel NICHT (KÖNNEN (LEIDEN (ich, ihn))); (1b) entspricht der Formel NICHT (KÖNNEN (SEHEN (ich (LEIDEN (er))))). Alles spricht dafür, dass der sprachliche Interpretationsprozess sofort einsetzt, wenn das erste Wort wahrgenommen wird. (1a) führt dann zu einer Interpretation, die verworfen werden muß, wenn der Input so wie in (1b) fortgesetzt wird.

Ein weiteres Beispiel:

  1. 2a. Ich bin froh, daß Peter das Auto endlich gekauft hat.
  2. 2b. Ich bin froh, daß Peter das Auto endlich gekauft wird.

Bis zu dem Partizip gekauft sind die Wortketten identisch. Sie sind strukturell mehrdeutig (ambig). Erst mit dem Eintritt des Hilfsverbs (hat bzw. wird) tritt eine Auflösung der Ambiguität ein. In (2a) ist Peter ein Nominativ und das Auto ein Akkusativ. In (2b) ist es ganz anders. Hier ist Peter ein Dativ und das Auto ist ein Nominativ.

Experimentelle Untersuchungen weisen nach, dass z.B. (2b) beim Hörer einen systematischen Überraschungs- und damit Komplexitätseffekt auslöst, der bei (2a) fehlt. Warum sollte das so sein? Modelle der Satzverarbeitung geben eine Antwort auf solche Fragen. Sie erklären, wieso bestimmte Strukturen unterschiedlich stark präferiert werden. Sie erklären auch, wieso vorgegebene Kontexte manchmal bestimmte Strukturerwartungen begünstigen, manchmal aber nicht.


Die Erforschung des menschlichen Parsers

Der Vorgang des Sprachverstehens (ebenso wie der Sprechvorgang) ist im höchsten Maß automatisiert, quasi reflexartig. Beim Erkennen von frequenten Wörtern ist das einleuchtend. Die Anzahl der Wörter ist endlich. Sie müssen nur aus einem mentalen Speicher abgerufen werden. Da es aber keine finite Zahl von Sätzen gibt, Sätze (außer bei formulaischen Ausdrücken) also nicht im eigentlichen Sinn "gelernt" sein können, liegt dem Sprachverstehen wohl ein hocheffizientes System für die Berechnung syntaktischer Strukturen und deren Bedeutung zugrunde.

Ein wesentliches Ziel der Psycholinguistik ist es, dieses Berechnungssystem ("parsing mechanism") zu charakterisieren und so zu verallgemeinern, dass man damit die effiziente Verarbeitung aller Sprachen erklären kann.

Hier kommt ein wesentlicher typologischer Aspekt ins Spiel. Die Sprachen der Welt unterscheiden sich in ihrer Wortstellung tiefgreifend. Am deutlichsten ist dies bei Position des Verbs zu sehen. Das Englische insistiert auf einer VO-Struktur ('ate an apple'), während das Japanische auf einer OV-Struktur insistiert ('ringo-o tabeta' = Apfel-AKK aß). Das Deutsche scheint gemischt zu sein ('einen Apfel aß' und 'aß einen Apfel'), aber alles spricht dafür, dass die Basis-Struktur OV ist und die Abweichung davon durch eine spezielle Regel zustande kommt, durch die das finite Verb nach vorne bewegt wird.

Die Frage ist, ob man die Argumentstruktur eines Satzes immer aufgrund der Verbinformation aufbaut, oder ob man sie auch über die initiale Verarbeitung der Argumente erschließen kann.

Es ist eine große und bisher nur in Ansätzen behandelte Frage, welchen Unterschied die Wortstellung in den verschiedenen Sprachen für das Sprachverstehen macht. Sicher ist jedenfalls, dass es wohl keine Sprachen mit einer ungünstigen Wortstellung gibt. So eine Sprache wäre nicht robust und hätte sich daher vermutlich nicht auf breiter Front durchsetzen können.

Die Erforschung des Sprachverstehensprozesses und die Entwicklung eines allgemeingültigen Modells des menschlichen Parsers sind Desiderate der kognitiven Grundlagenforschung. Das Unterfangen ist Teil eines Clusters von Forschungsaktivitäten, die in verschiedenen Labors auf der Welt verfolgt werden.


 

Letzte Aktualisierung: 15.05.2015        © 2006-15 : FB Sprachwissenschaft